45. KFN-Sitzung

Komitee Forschung mit Neutronen

10.Oktober 2002, FMR-II Garching

E R G E B N I S B E R I C H T

Konstituierung des 6. KFN:
Zur Wahl des KFN kamen von 973 angeschriebenen potentiellen Wählern 404 Stimmzettel zurück, davon waren 403 gültig. Gewählte Mitglieder des 6-ten KFN sind (in alphabetischer Reihenfolge): Brückel, Graf, Heger, Löwenhaupt, Petry, Schober und Willumeit. In Klausur wurden von den gewählten Mitgliedern als Vorsitzender des 6. KFN Herr Brückel und als Stellvertreter Herr Schober gewählt. Für die Mitgliedschaft in der European Neutron Scattering Association ENSA wird der Vorsitzende Herr Brückel bestimmt. Sein Stellvertreter in der ENSA ist Herr Schober. In der Kommission "Erforschung der Kondensierten Materie mit Großgeräten" KEKM soll das KFN durch die Herren Brückel und Schober repräsentiert werden. Als Stellvertreter wird Herr Petry benannt. Um die Vertretung weiterer Fachgebiete im neuen KFN sicherzustellen, werden zusätzlich Mitglieder kooptiert: Herr Ruck von der TU Dresden als Vertreter der Chemie, Herr Zimmer von der TU München vertritt die Anwendung der Neutronen in der Kern und Teilchenphysik, Herr Reimers von der TU Berlin soll die Belange der Werkstofftechnik einbringen und Herr Martin Müller von der UNI Kiel soll die Interessen der Jungwissenschafter vertreten.

Europäische Spallationsquelle ESS:
Details des Projekts müssen noch bis Ende 2003 ausgearbeitet werden. Ziel ist unter anderem eine bessere Kostenabschätzung. Was die technische Seite anbetrifft, so fand von Mai bis September ein groß angelegtes Testprogramm statt, um die Effekte der Kavitation an den Strahleintrittsfenstern zum Target abzuklären. Die Amerikaner (SNS-Projekt) bleiben bei einem Flüßigmetalltarget. Die Kavitationsprobleme scheinen z.B. durch das gezielte Einbringen von Gasblasen beherrschbar. Die Frage, ob der Beschleuniger konventionell oder supraleitend sein soll, ist noch nicht entschieden.

Das Projekt der Europäischen Spallationsquelle ESS wurde sehr erfolgreich am 16. und 17. Mai im ehemaligen Bundestag in Bonn vorgestellt. Rund 1000 Teilnehmer bekundeten die starke Unterstützung des Projekts. Die Resonanz in der Presse (überregionale Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen) war überwältigend und durchweg positiv. Der erfolgreichen Vorstellung der ESS in Bonn folgte ein hartes Erwachen ausgelöst von der Stellungnahme des Wissenschaftsrats im Juli. Sowohl die wissenschaftliche Relevanz der ESS als auch die Rolle der Neutronen im Allgemeinen werden vom Wissenschaftsrat kritisch kommentiert. Umgehend nach Bekanntwerden der Stellungnahme wurde in Berlin eine Pressekonferenz abgehalten (Teilnehmer: Barocchi, Press, Richter und Tindemanns). In einem Brief an den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Herrn Einhäupl, wird klar die Position des KFN dargelegt. Herr Press formuliert einen Artikel zu der Thematik für das Physik Journal (Physik Journal I (11) (2002), 28).

Zum weiteren Vorgehen wird wie folgt entschieden:
Die ESS-Projektgruppe wird einen neuen Antrag einreichen, auf Basis des in Bonn vorgestellten vier-bändigen ESS Reports (Anmerkung: der Antrag ging am 22. Oktober an den Wissenschaftsrat). Herr Brückel sucht das Gespräch mit Herrn Einhäupl. Je nach Ausgang des Gesprächs wird eine Briefaktion gestartet, in welcher sich die Neutronennutzer zu Wort melden und den Zweifeln an dem wissenschaftlichen Programm der ESS und an der Bedeutung der Neutronen in der Zukunft deutlich widersprechen. (Anmerkung: Das Gespräch Anfang November verlief sehr konstruktiv. Da der Wissenschaftsrat WR zu diesem Zeitpunkt noch nicht über das weitere Vorgehen entschieden hatte, wurde eine Nutzerumfrage als elektronische Abfrage durchgeführt und erzielte 327 unterstützende Rückmeldungen, davon 311 vor dem Stichtag 22.11. Der WR verabschiedete jedoch schon am 15. November seine Empfehlung: Danach ist im Falle der ESS eine neue Begutachtung nach Antrag durch den Bund oder ein Bundesland möglich).

ESFRI (Neutron Panel):
Das "European Strategy Forum on Reaserach Infrastructure" (ESFRI) wurde von Herrn Busquin im Mai 2002 offiziell einberufen. Hintergrund dieser Entscheidung ist das anhaltende Ringen zwischen EU-Komission und Mitgliedsstaaten um Entscheidungskompetenz. Das Forum soll das Durchsetzen europäischer Projekte fördern, besitzt aber vorerst nur ein relativ schwaches Mandat. Die erste Aufgabe des ESFRI betrifft die Forschung mit Neutronen. Das Neutron Panel unter Vorsitz von Herrn Kjems soll die Vor- bzw. Nachteile dreier Zukunftsszenarien darlegen:

    Bau der ESS, wie in Bonn vorgestellt
    Bau der ESS vorerst nur mit langen Pulsen, mit ev. späterem Ausbau
    Aufstockung von ILL (siehe Roadmap) und ISIS (1 Megawatt)

Der Bericht soll im Dezember vorgelegt werden. Mittelflußreaktoren sind von dieser Flagschiffdiskussion a priori nicht betroffen. Auch wird vorausgesetzt, dass das ILL Milleniumprogramm weitergeführt wird. Das KFN benennt als deutschen Vertreter Herrn Mezei. Es hält weiterhin an dem ESS Gesamtkonzept als klarer erster Priorität fest.

Vorbereitung der nächsten Runde der Verbundförderung:
Das BMBF bereitet zur Zeit die neue Förderperiode für den Zugang zu Großforschungseinrichtungen der Neutronen-, Synchrotron- und Ionenstrahlen vor. Der ungefähre Zeitrahmen sieht wie folgt aus:
April 2003    Ausschreibung im Bundesanzeiger
Juni 2003    Stichtag für die Einreichung der Anträge
01. April 2004    Beginn der neuen Förderperiode
31. März 2007    Ende der Förderperiode
Das Ministerium bietet an, die Ausschreibung der nächsten Förderperiode im Vorfeld zu diskutieren, was vom KFN sehr begrüßt wird. Dazu soll im Februar ein Workshop in kleinem Kreise einberufen werden. Das KFN beschließt, die Strategiediskussion aus Sicht der Neutronennutzer vorzubereiten. (Anmerkung: am 27.11. erging ein Aufruf zur Einreichung von Projektskizzen über die Projektleiter an alle deutschen Neutronennutzer)

FRM-II:
Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens steht die Erteilung der dritten Teilerrichtungsgenehmigung aus. Die bayerischen Behörden haben einen neuen Genehmigungsbescheid erarbeitet und an das Bundesumweltministerium gesandt. Das BMU hat seinerseits die Vollständigkeit der Unterlagen bestätigt. Das BMU hat über den Reaktorsicherheitsausschuss RSK und die Strahlenschutzkommission SSK hinaus weitere eigene Gutachter von der GRS (Gesellschaft für Reaktorsicherheit) benannt. Eine Stellungnahme wurde vom BMU für Ende Oktober versprochen. Falls das BMU die Genehmigung erteilt, könnte der Routinebetrieb schon Ende 2003 starten. Im Moment sind keine Aktionen von Seiten des KFN angebracht; die Antwort des BMU muss erst abgewartet werden. (Anmerkung: Die Antwort des BMU kam Ende Oktober und stimmt verhalten optimistisch. Einige Nachforderungen werden z. Zt. von München bearbeitet).

Sechstes Rahmenprogramm der EU:
Das sechste Rahmenprogramm der EU (FP6), wird im Januar 2004 anlaufen. Gegenüber dem FP5 sind einige wichtige Änderungen zu verzeichnen. Alle bisherigen, die Neutronen betreffenden Aktivitäten (Neutron Round Table, RTD und Access) müssen der EU gebündelt präsentiert werden (Integrierte Initiative). Die Aussichten auf Erfolg sind für die Neutronen als sehr hoch einzuschätzen, da die Organisation der Neutronenaktivitäten innerhalb des FP5 schon als mustergültig galt. Die Koordination des gemeinsamen FP6-Antrags übernimmt Robert McGreevy vom ISIS. Der Antrag umfasst sowohl den Zugang zu den Zentren (Access), technische Entwicklungsprogramme (RTD) als auch die Aktivitäten des bisherigen Round Table im engeren Sinne (Joint Activities).

Berichte von den Quellen:
HMI:

    Es befinden sich zwei 15 Tesla Magneten im Nutzerbetrieb.
    Der Bauplatz für die zweite Leiterhalle ist hergerichtet. Die Halle soll eine weitere KWS und das SPAN Instrument beherbergen. Gleichzeitig wird der Aufbau des projektierten 40-Teslamagneten vorbereitet.

ILL:

    Das Refit- Programm zur Erdbebensicherheit wird intensiv vorbereitet. Es umfaßt in etwa 110 verschiedene Maßnahmen und soll im Jahre 2005 beendet werden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 20 bis 22 Millionen Euro. Das Refit-Programm stellt eine Belastungsprobe für das Millenium-Programmm dar.
    15 Tesla Magnet wurde ans ILL geliefert.
    Die Verlängerung der "intergovernmental convention" zwischen Deutschland, Frankreich und England, welche den Weiterbetrieb des ILL um weitere 10 Jahre sichert, wird im Dezember auf Botschafterebene stattfinden.(Anmerkung: Die Unterzeichnung hat am 4.12.02 in Anwesenheit der französischen Ministerin für Wissenschaft und Neue Technologien in Paris stattgefunden.)
    Die Zahl der Proposal ist konstant.

GKSS:

    Die Quelle läuft seit März sehr zuverlässig.
    Das Reflektometer TOREMA wird komplett renoviert.
    Der Detektor am SANS-II wird verbessert.
    Die Übernahme einer Hochenergiebeamline am DORIS-Ring wurde beschlossen. Die Finanzierung ist gesichert.

FZ-Jülich:

    Zwei neue Instrumente wurden in der Sommerpause aufgebaut. Ein Gerät zur Messung von Neutronen-Depolarisation LAP-ND wurde in Betrieb genommen. Das Instrument erlaubt sphärische Polarisationsanalye in Transmission. Das neue Spektrometer SV30 ermöglicht Polarisationsanalyse über große Raumwinkel. Das Primärspektrometer ist aufgebaut, die Inbetriebnahme wird in den kommenden Monaten erfolgen.
    Beim 3He-Projekt wurden Erfolge bei der Polarisation durch optisches Pumpen von Rb-Dampf erzielt.
    Im September fand eine Schule für polarisierte Neutronen statt. 34 ausgesuchte Wissenschaftler nahmen erfolgreich daran Teil.
    Die im Anschluß an die Schule abgehaltene Konferenz PNCMI brachte 130 Wissenschaftler zusammen. Als zentrales Thema galt der Einsatz der Neutronenpolarisation an gepulsten Quellen.
    Das Jülicher Neutronstreupraktikum fand im September statt.

Nächstes Treffen: 17.01.03 am HMI in Berlin